get shorties - Die Highlight-Texte

Erscheinung | Rolf Breuer

Sehr geehrte Alle,

 

 ich begrüße Sie herzlich und mit Herzklopfen zu einem denkwürdigen Ereignis, heute, am 22. März 2032, hier im Rokokosaal der AnnaAmalia-Bibliothek in Weimar. Gleich ist es soweit, der Tag, dem Sie und wir alle entgegengefiebert haben - Sie, die kulturellen FortschrittsIdealisten - und wir, das multidisziplinäre Wissenschaftler-Team "Goethe heute - Goethe live!".

 

Sie erinnern sich an die Sensation von 2018 bei der Restauration der letzten angesengten, angebrannten Bücher dieser Bibliothek. Welche Begeisterung, als dabei ein bisher verschollener Liebesbrief Goethes auftauchte. Ausgerechnet an die Herzogin Anna Amalia selbst gerichtet - und mit einer Haarlocke Goethes als Präsent. 14 Jahre sind seitdem vergangen. Wir konnten die DNA aus den Haaren extrahieren, haben Zellkulturen angelegt, fast alle Organe Goethes einzeln nachgebildet, als letztes sogar sein Gehirn Schicht für Schicht mit dem In-Vivo-UltraLaser-3D-Bio-Drucker aufgebaut und zum Leben erweckt.

 

Schließlich gelang es uns, mit der 5.Generation des japanischen Supercomputers Fugaku (vielen Dank an die Firmen RIKEN und FUJI!), zunächst die Funktionen der Einzelorgane zu digitalisieren und schließlich alles zusammenlaufen zu lassen im ebenfalls digitalisierten Gehirn. Das hieß nichts anderes, als dass es uns jetzt möglich war, einen lebensnahen Avatar von Johann Wolfgang von Goethe herzustellen – die Popgruppe Abba war da ein wichtiger Vorreiter und Berater!

 

In wenigen Minuten werden Sie den Dichterfürsten als überlebensgroßes Hologramm mitten im Rokoko-Saal erleben. Und auf den freigehaltenen Plätzen wird er in normaler Größe als Zuschauer seiner selbst neben Ihnen sitzen!

 

Goethe ist mit uns, Goethe ist unter uns, Goethe lebt!

 

Bisher erlaubt uns der Stand der Technik und Forschung, diesem unseren Digi-Goethe (wenn ich so salopp sagen darf) gesprochene Stichworte einzugeben, auf die ER dann ca. 10 Sekunden lange Antworten gibt - in wenigen Monaten werden wir technisch schon viel weiter sein, so dass es dann zahllose längere Stücke, ganze Gedichte und später gar ganz neue große Meisterwerke geben wird. Eine Zukunft ohne Grenzen!

 

Aber jetzt ist es gleich soweit. Ich bekomme das Zeichen, dass Goethes Avatar gebootet ist, bald wird sein Hologramm aufgebaut sein - ah, ich sehe, er erscheint uns schon. Bitte absolute Ruhe jetzt!

 

Halt, noch soviel, sehr geehrte Alle! Wir haben uns für diese Premiere ein Stichwort überlegt, zu dem der große Meister zu Lebzeiten auch immer wieder etwas Geheimnisvolles gesagt hat, zum Beispiel indirekt: "Wer das Vergangene kennte, der wüsste das Künftige", aber auch mal direkt: "Man muss auch der Zukunft etwas überlassen."

 

Und in diesem Sinne wollen wir - gerade auch wegen der rasanten Entwicklung auf allen Gebieten - wissen, wie der große Meister heute über "Zukunft" denkt. Nochmal: Absolute Ruhe jetzt!

 

Johann Wolfgang, der Du unter uns bist, höre mein Stichwort: Raute > Zukunft > Raute > Slash.

 

(Goethes Avatar spricht:)

Zukunft liegt meist in der Ferne.

Manchmal hätte man es gerne,

wenn die Zukunft näher läge.

 

Ja, das ist so! Wunderbar, er spricht zu uns! Und hat dafür natürlich den Arbeitsspeicher voll gebraucht! Goethe ist übrigens so programmiert, dass wir das Stichwort einfach noch einmal eingeben können, wenn der Speicher wieder voll ist - und der Dichter wird dann an der letzten Stelle seine Weisheit fortsetzen. ... Ah, prima, Speicher gefüllt!

 

Johann Wolfgang, der Du unter uns bist, höre mein Stichwort: Raute > Zukunft > Raute > Slash.

 

(Goethes Avatar spricht:)

Doch die Zukunft ist sehr träge,

lässt sich nicht von uns bewegen:

Manchmal Fluch und manchmal Segen.

 

Stimmt, das trifft es genau! Wenn man alleine das letzte Jahrzehnt am inneren Auge vorbeiziehen lässt! Zwar auch viel Segen, aber so viel Fluch! Ja, der Arbeitsspeicher ist ... jetzt für die Milliarden Rechenoperationen wieder bereit. Daher noch einmal:

 

Johann Wolfgang, der Du unter uns bist, höre mein Stichwort: Raute > Zukunft > Raute > Slash.

 

(Goethes Avatar spricht:)

Zukunft hat man - oder nicht.

Die Substanz ist luftig-dicht.

Zukunft ist auch was zum Träumen.

 

Wie wahr! Träumen wir nicht alle von einer besseren Zukunft? Am liebsten ohne Fluch, nur mit Segen? Ach, ich bin fasziniert und gespannt, was ER weiter von sich gibt!

 

Johann Wolfgang, der Du unter uns bist, höre mein Stichwort: Raute > Zukunft > Raute > Slash.

 

(Goethes Avatar spricht:)

Zukunft wächst - nur nicht auf Bäumen.

Und im Ganzen kann man sagen:

Zukunft kommt - da hilft kein Klagen.

 

Ja - wie oft klagen wir über das, was kommt, nein, was kommen könnte! Da fällt mir ein geflügeltes Wort ein: Walle, walle, manche Strecke, dass zum Zwecke Weisheit fließe!

 

Johann Wolfgang, der Du unter uns bist, höre mein Stichwort: Raute > Zukunft > Raute > Slash.

 

(Goethes Avatar spricht:)

Zukunft schiebt man vor sich her –

oft ein Kraftakt, zäh und schwer.

Und man schiebt sie immer weiter:

 

Wer kennt das nicht? Wie Sisyphos den Stein rollt, immer weiter, immer weiter. Hoch den Berg unter Stöhnen und Ächzen - runter geht es von selbst. Aber wie lange denn?

 

Johann Wolfgang, der Du unter uns bist, höre mein Stichwort: Raute > Zukunft > Raute > Slash.

 

(Goethes Avatar spricht:)

Lebenslang als Wegbegleiter.

Zukunft ist uns stets voraus.

Und am Ende mit uns aus.

 

Wir wollen die Technik nicht überfordern und müssen leider zum Schluss kommen. Sehr geehrte Alle, ich denke, Sie sind wie ich berührt von dieser virtuell-leibhaftigen Wiedererweckung des großen Dichters. Auf den Tag genau 200 Jahre, nachdem er von uns gegangen war, ist er wieder da, mitten unter uns, modern-leibhaftig. Unvergessen der Satz in seinem "Zauberlehrling": "Die ich rief, die Geister, werde ich nun nicht los!" So wie auch wir diesen digital-leibhaftigen Dichterfürsten sicher nicht mehr loswerden, und das ist auch gut so!

 

Oh, Moment, da meldet er sich noch einmal - ich hatte doch gar kein Stichwort ... oder erkennt er etwa schon Stichwörter im gesprochenen Satz ohne Raute, ohne Slash?

 

(Goethes Avatar spricht:)

Zukunft ist die Welt der Geister.

Ja, die Not ist groß.

Glaubt bloß nicht dem falschen Meister


Perfektes Glück | Renate Walter

Ein Blick auf die Uhr. Ein paar Minuten noch. Wenn er pünktlich ist…Ihr Herz klopft. Sie würde ein Date haben. Ein richtiges Date. Ein Date, das ihr Leben verändern wird. Ihr Blick gleitet über das Zimmer. Alles perfekt aufgeräumt. Zufrieden lehnt sie sich zurück. An ihr soll es nicht liegen. Er soll sich wohlfühlen bei ihr. Eine dieser praktischen LED-Kerzen verströmt ein warmes Licht, das sogar flackert. Romantisch.

„Lady in red“ erklingt – ihr heutiger Besuchsmelder. Diese Melodie schien ihr für diesen ersten Abend angemessen. Auf dem Weg zur Tür – ein Blick in den Spiegel. Das rote Tuch etwas lockerer drapieren, die Haarsträhne keck hinter das rechte Ohr streichen.  Na ja, besser so, „wie gewachsen“ eben und doch nicht ganz ohne. Den Rest muss der Charme zurechtrücken. Mehr Herzklopfen. Türe öffnen. Sesam öffne dich! Welcher Schatz verbirgt sich auf der anderen Seite?

Ihm geht es nicht anders. Was würde ihn erwarten? Sein erstes Date überhaupt. Er würde ganz auf ihre Bedürfnisse eingehen. Das ist ihm wichtig. Schließlich hat sie bei der Vermittlungsstelle ihre Wünsche geäußert, und jetzt steht er vor ihr, er, das Konglomerat dieser, ihrer Wünsche. Sein Innerstes ist ganz auf dieses fremde Wesen vor ihm gerichtet.

Wow! Da steht er nun – groß – mindestens eine fünfundachtzig, schlanke Figur mit breiten Schultern, mit diesen blonden Haaren, den wasserhellen Augen mit langen Wimpern, den feingliedrigen Fingern. Was für eine Erscheinung?! Und...da…das kaum merkliche Heben der linken Augenbraue, als er zu ihr sagt: „Guten Abend, meine Liebe. Was für eine Freude, dich kennenzulernen.“ - Diese Stimme! Sie berührt sie bis ins Mark. Das Resultat von zu viel Zigaretten, Alkohol und reicher Lebenserfahrung. Wow!

Kaum merklich gleitet sein Blick an ihr herunter. Er würde leichtes Spiel haben. Immerhin beherrscht er das ganze Programm, das nötig ist, einer einsamen Frau eine verlässliche Schulter zu bieten.

„Na, dann wollen wir es einmal miteinander probieren,“ lacht sie und bittet ihn herein, „Mein Bett wartet schon sehnsüchtig.“ Er folgt ihrer Einladung, gespannt, wie der Abend verlaufen würde. „Jetzt wird es sich zeigen, ob es passt zwischen uns beiden.“ Ihre Stimme hört sich seltsam belegt an. Ihre Augen suchen seine.

Sie spürt eine tiefe Befriedigung wie noch nie in ihrem Leben. Alles richtiggemacht. Wie schön es ist, einen Partner zu haben, der ganz den eigenen Vorstellungen entspricht.

Sanft hebt er diese zerbrechlich wirkende, kleine, hochbetagte Frau aus dem Rollstuhl, legt sie aufs Bett und bereitet sie für die erste gemeinsame Nacht vor: Das Glas mit Wasser und die Tabletten auf den Nachttisch stellen, den abgezehrten Körper zudecken, das schummrige Schlafzimmerlicht und die LED-Kerze löschen. “Ich danke Dir. Gute Nacht!“ haucht sie glücklich, bevor sie erlöst und erleichtert dem nächsten Tag entgegen schläft. „Das wünsche ich dir auch!“ - hört sie von der nun so sanften Stimme aus der Schlafzimmerecke. Stille. Bläuliches Licht breitet sich im Schlafzimmer aus. Die Lichtquelle kommt aus der Ecke. In blauer Schrift steht auf seiner Stirn in Großbuchstaben „Stand-by“.


Urlaub 2.0 | Eva Kister

Wir wollten verreisen und wählten als Reiseziel das Urlaubsresort

Dolomiten. Die schönste Zeit des Jahres in den dafür konzipierten

Anlagen zu verbringen, ist quasi alternativlos. Dort ist alles gut

durchorganisiert. Du reist ohne Risiko und relativ preisgünstig.

 

Urlaubsplanung in eigener Regie hatten wir nicht in Betracht gezogen.

Es gibt kaum noch Angebote. Auch sind Urlauber, die sich völlig unorganisiert

in Wäldern oder am See bewegen und niederlassen, womöglich noch individuell anreisen, allenfalls geduldet, keinesfalls aber gerne gesehen.

 

Es hatte aber auch sehr überhand genommen, dass immer mehr Reisende

in– teilweise riesigen - Wohnmobilen unterwegs waren, durch weite Reisen die Umwelt belasteten und ein nicht zu unterschätzendes Risiko eingingen, sich bei Waldbränden, Überschwemmungen, Stürmen und Verkehrsunfällen ernsthaft in Gefahr zu bringen. Durch Überlastung der Autobahnen und Innenstädte kam es, besonders in der Hauptreisezeit, zu Situationen, die nach Abhilfe verlangten.

 

Wohnhaft im Norden der Republik hatten wir bisher Resorts mit südlichem

Ambiente bevorzugt, wie Türkische Riviera, Rhodos, Portugiesische Atlantikküste, Toskana oder Kroatien.

 

Diese sind alle bequem von unserem Heimatort aus mit der Bahn zu erreichen.

Das Gepäck wird transportiert.

Man hält sich im Resort wie in einer Blase auf, was du aber gar nicht bemerkst.

Abgeschirmt von allen Einflüssen der Außenwelt kannst du dich perfekt erholen und die Tage vollständig nutzen, ohne große Hitze, unvorhergesehene Regenschauer, Gewitter, Stürme, Stechmücken oder Zecken. Ozon und Feinstaub sind kein Thema, auch nicht die Gefahr eines Sonnenbrandes.

In einigen Anlagen ist es sogar möglich, ein Gewitter als Event zu simulieren.

Ob das irgendwo auch mit Schneefälle gemacht wird, kann ich nicht sagen, nachgefragt würde es sicher werden, um der großen Gruppe der

Schifahrer ein, ihrem bevorzugten Sport angemessenes, Angebot zu unterbreiten. In diesem Bereich besteht noch Handlungsbedarf.

Zwar gibt es riesige überdachte Anlagen mit Abfahrten in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, doch will sich auf den Kunststoffpisten kein wirkliches Schivergnügen einstellen.

Für Individualisten wurde eine Wüste aufgebaut, bei der auch Hitze und für die Nacht Kälte gebucht werden können.

 

Ich schweife ab, und wollte doch von unserem letzten Urlaub erzählen.

 

Zum Resort Dolomiten hätten wir beinahe zu Fuß gelangen können.

Es liegt nahe der Nordseeküste und ist erst im vergangenen Jahr ins Programm des Veranstalters unseres Vertrauens aufgenommen worden.

Bisher war das Hochgebirge gar nicht unsere Welt und wir fragten uns schon,

in wie weit es sinnvoll sei, im Rentenalter mit dem Bergsteigen zu beginnen.

Jedoch sind wir gesund und fit und offen für Neues, zudem konnten wir uns, aus Erfahrung, auf eine perfekte Organisation des Urlaubs verlassen.

 

So verliefen die ersten Ferientage vollkommen nach unseren Wünschen und Vorstellungen.

Die Ferienwohnung, optimal platzsparend gebaut, im zeitgemäßen Stil eines Tiny Houses, ganz mit Holz ausgekleidet, war stilsicher eingerichtet vom Geschirr (Blüten der Almwiesen) bis zur Bettwäsche (rot – weiß kariert).

Vor dem Fenster ein traumhaftes Alpenpanorama, die Drei Zinnen in der Ferne, Duft nach frischem Heu und Kuhglockenläuten- nicht zu laut.

Zu Unterhaltung und Zeitvertreib besuchten wir ein turbulentes und humorvolles Stück im Bauerntheater, dem eine kleine Dialektkunde vorangestellt war.

Zur allgemeinen Belustigung trug auch bei, dass Versuche im Schuhplattlern

gemacht werden konnten.

Gereizt hätte es mich schon, da mir aber, von verschiedenen Tanzkursen her klar war, dass es um meine koordinatorischen Fähigkeiten nicht gerade gut bestellt ist, wollte ich mich nicht der Lächerlichkeit preisgeben.

 

Auch kulinarisch blieben keine Wünsche offen, von den Kaspressknödeln bis

zum Rösti und Kaiserschmarrn, alles was das Herz begehrt und dick macht.

 

Zum Abtrainieren zögerten wir nicht, einen Kletterkurs zu belegen.

Unter fachkundiger Leitung und freundlicher Motivation konnten wir neue

Fähigkeiten erwerben und unsere Leistung bald steigern.

Welche Befriedigung spürten wir, wenn wieder eine anspruchsvollere indoor Kletterwand in Angriff genommen werden konnte!

Uns packte der Ehrgeiz und ich hatte manchmal den Verdacht, dass mein Justus heimlich übte, während ich im Spa Bereich mit Heublumenbädern relaxte.

Endlich war es soweit, und unser Trainer Franz stellte uns in Aussicht, wir könnten am nächsten Tag gemeinsam den Klettersteig Marmolada in Angriff nehmen.

 

Am frühen Morgen war uns, gleichzeitig mit dem Frühstück (Bergsteigermüsli), vom zuständigen Roboter die passende Kletterausrüstung geliefert worden.

Wir legten Kletterschuhe, Helm und Seil an, um an alle online Kontakte

das obligatorische Urlaubsfoto zu versenden, als plötzlich ein eigentümliches

Rauschen, Knacken und Blinken uns ratlos und gleichzeitig auch neugierig machte.

Ehe wir dazu kamen, über die Ursache zu spekulieren, und was sich wohl ereignet hätte in unserer durchorganisierten Urlaubswelt, wurden wir über die Resort-App beruhigt und um etwas Geduld gebeten.

Alle Gäste könnten selbstverständlich ihren Tag verbringen, wie geplant.

Dann Warten, Dämmerlicht, Stille und mit der Zeit auch stickige, dicke Luft.

Nach, gefühlt einer halben Stunde, die die Urlaubslaune merklich sinken ließ,

die Nachricht, dass es leider, zu einem technischen Defekt gekommen sei,

der eigentlich gar nicht möglich wäre und sich daher auch nicht so

schnell beheben ließe.

Um den verehrten Gästen weitere Unannehmlichkeiten zu ersparen und trotzdem einen wunderschönen Urlaubstag zu garantieren, habe die Resortleitung einen Shuttle Service zur Nordseeküste organisiert und empfehle dringend, davon Gebrauch zu machen.

Es blieb keine Wahl, als sich anzuschließen, denn im Dolomitenresort

funktionierte rein gar nichts mehr. Eine hektische Fehlersuche setzte ein,

bei der kein Winkel ausgespart werden durfte.

 

 

 So fand sich also eine große Anzahl Resorturlauber, lediglich ausgestattet mit einem Notfalllunchpaket und einem kleinen Regenschirm in

ungewohnter Natur wieder.

Die Flut war im Schwinden, es blies ein kräftiger Wind, kleine Wellen

trafen auf trockene Schuhe.

Bei manchen der unfreiwilligen Strandgänger war ein tiefes Atemholen zu beobachten. Andere streifen rasch die Schuhe von den Füßen und tauchten letztere ins erheblich kühle Nass. Ein Lächeln breite sich über die meisten Gesichter und bei den älteren Teilnehmern der Reisegruppe kehrten Erinnerungen zurück, an Urlaubsfreuden am Meer.

Wie wenig war notwendig gewesen, für wunderschöne Ferien.

Ein Zelt, oder zum Mieten eine kleine Hütte. Badezeug, Schaufeln zum Buddeln, vielleicht noch ein Lenkdrachen und eine Tasche voller Bücher.

Lesen war immer das Schönste am Strand.

An Gummistiefel und den Ostfriesennerz mochte sich auch mancher erinnern,

als plötzlich ein Regenschauer niederging.

Diese wurden längst aus dem Sortiment genommen, ersetzt durch Funktionskleidung für jede Sportart. Bunt und teuer und eigentlich größtenteils nicht mehr notwendig für die modernen Urlaubswelten.

Die mitgebrachten Regenschirme erwiesen sich, durch den Wind, als untauglich.

 

Schutz in einem Strandkorb zu finden war auch nicht mehr möglich.

Aus Umweltgründen wurden die schon vor Jahren entfernt, wie ja auch Urlauber am Strand nur in Ausnahmefällen zugelassen und eigentlich nicht erwünscht sind.

Die Freude der älteren Strandgänger teilten spontan die Kinder. Obgleich sie das Spielen im Freien nicht kennen, brauchte es ihnen nicht gezeigt zu werden. Frei von Sorgen über Sonnenbrand oder Erkältung

rannten sie am Ufer entlang.  Planschten durch kleine Priele und Pfützen, sammelten Muscheln, buddelten mit bloßen Händen im Sand und machten sich weder Sorgen um nasse Hosen noch um schlickverklebte Füße.

Manche nutzten die Gelegenheit, ganz weit im Sand zu rennen oder laut zu singen und zu schreien.

Die kleine Nina hat sich an einer scharfen Muschelkante geschnitten, aber fast gar nicht geweint und Jonah, er mag vielleicht acht Jahre alt sein, hielt einen Wattwurm in der Hand und löste damit bei seinem Vater fast einen Nervenzusammenbruch aus.

 

Manch verhinderter Bergsteiger saß, als später sogar die Sonne hervorkam,

ganz ruhig im Sand, beobachtete am Horizont die großen Schiffe, fühlte sich

entspannt und schaffte es beinahe, an gar nichts zu denken.

 

Andere überlegten sich, ob ein Tag am Nordseestrand als Reisemangel deklariert werden könnte und in welcher Höhe eine Erstattung der Reisekosten dafür zu erwarten wäre.

 

Am Ende des Tages, wohlbehalten zurück in der Ferienwohnung,

haben wir uns überlegt, ob nun ein Urlaub früher schöner war, oder heute.

Wir sind uns einig geworden:

Jede Art von Urlaub gehört in ihre Zeit.