Kriegerdenkmal
Auszüge aus Gerd Krumeich's
Als Hitler den Ersten Weltkrieg gewann.
Die Nazis und die Deutschen 1921-1940
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2024, Seiten 226-229
Die entscheidende Wende erhielt die Denkmalsplanung wenige Monate nach der Machtergreifung, denn bereits am 8. Juni 1933 informierte die Landesleitung Württemberg des Kampfbundes für deutsche Kultur den neuen Ortsgruppenleiter der Stadt Marbach, man werde nunmehr eine Ortsgruppe Marbach des
Kampfbundes gründen, um endlich das Denkmal zu realisieren. Nun ging tatsächlich alles sehr schnell voran, innerhalb eines Monats lagen Entwürfe vor. Der Gemeinderat beschloss am 30. Juni 1933, dass das Denkmal am Obertorturm aufzustellen sei. Es wurden neue Entwürfe gesammelt, und bereits im Dezember
1933 wurde der Entwurf des Stuttgarter Bildhauers Jakob Brüllmann mit dem Titel „Furchtlos und treu“ angenommen...
Was Brüllmann sich unter diesem Denkmal vorgestellt hatte, wird im Zeitungsbericht über die Einweihungsfeier am 5. November 1934 angedeutet: „Der Schöpfer des Gefallenendenkmals ... erklärte kurz, dass bei dem Entwurf ihm das Symbol ‚Furchtlos und treu‘ vorgeschwebt habe, eine uneingeschränkte Hingabe für das Vaterland, wie es die Helden im Weltkrieg gezeigt haben, die durch das Lied vom guten Kameraden ihren Ausdruck findet.“
Ein Pfarrer hielt eine ausführliche Rede, in der er den Bogen schlug vom Weltkrieg zum „Dritten Reich“. Gott bediene sich des deutschen Volkes, um seine Gedanken und Ziele auf dieser Erde zu verwirklichen … Die Ernte des Todes, so weiter der Pfarrer, solle ‚Saat des Lebens‘ werden. In der Weimarer Republik sei der Opfertod verlacht, getreues Streben um das Ganzen willen als törichte Hingabe verhöhnt worden. Aber nun habe das "Dritte Reich" unter Hitler, dem alten Feldsoldaten, erreicht, dass nunmehr wieder die Bereitschaft wachse, für die "Ehre und Treue" gegenüber dem Reich zu sterben ...
Der Stadtrat und Kreisleiter der NSDAP, Otto Thumm, sagte: „Das neue Deutschland ist erstanden, über zwei Millionen Tote strecken die Arme empor und reichen sie den über 400 Toten, die für die Erneuerung des Deutschen Reiches gefallen sind. Graue und braune Kameraden starben und leben heute wieder ... Das neue Deutschland wird dafür zu kämpfen wissen, dass die Blutopfer nicht umsonst gebracht wurden. Des sollen unsere toten Kameraden versichert sein.“
Diese gesamte Feier war also demonstrativ nationalsozialistisch inszeniert. An der Rückseite des Stadttores war eine große Menge von Emblemen und Fahnen des Regimes angebracht, der Sängerchor bestand aus SA-Männern, und zum Abschluss der Einweihungsfeier wurden die erste Strophe des Deutschlandliedes sowie das Horst-Wessel- Lied gemeinsam gesungen. Das war eine außergewöhnliche intensive
Nazifizierung der Gedenkfeier …
Kriegerdenkmal am Torturm
Seit 1920 gab es im Marbacher Gemeinderat immer wieder Vorstöße zur Errichtung eines Denkmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Die Namenstafeln des 1934 eingeweihten Denkmals wurden 1988 aus baulichen Gründen versetzt. Seit den 1980er Jahren kam es immer wieder zu Beschädigungen, aber auch eine Verlegung wurde diskutiert.
Da das Denkmal mitsamt dem Torturm inzwischen unter Denkmalschutz steht, hat sich diese Debatte erübrigt. Die Alexander-Seitz-Geschichtswerkstatt Marbach veröffentlichte 1985 das Buch „‘Furchtlos und Treu – Geschichte des Marbacher Kriegerdenkmals“, das 1994 in dritter Auflage erschien.
In diesem Werk geht sie dem Appell zum Nachdenken nach, indem sie nicht nur die örtlichen Gegebenheiten aufzeigt, belegt, wie hierorts Geschichte verarbeitet und verdrängt wird, sondern indem sie die Frage nach dem angemessenen Gendenken in den Kontext allgemeiner Überlegungen zur Denkmalsfrage und zur Frage unseres Verhältnisses zu nationalsozialistischen Vergangenheit rückt (Auszug aus dem Vorwort von Karl Heinz Fingerhut).